Kreisräte der Linken lesen gegen Faschismus

19. Juni 2015  Aktionen

Kreisräte der Linken lesen gegen Faschismus

In Gedenken an Jene, die ihr Leben riskiert und verloren haben, weil sie in einem freien und friedlichen Staat leben wollten gestalteten die Kreisräte Peter Rauscher und Jochen Findeisen von den LINKEN einen sehr berührenden literarischen Vortrag gegen Krieg und Faschismus, den sie gemeinsam im siebzigsten Jahr nach der Befreiung von Hitler und Krieg am 17. Juni in Nürtingen vortrugen.


Die gewählten Texte spiegeln das Lebensgefühl und die Welt der Autoren im deutschen Faschismus wieder. Besonders ein Gedicht von Selma Merbaum, die mit 18 Jahren in einem Kz umkam und die Todesfuge von Paul Celan bewegten die Zuhörer. Selma Merbaum drückte ihren ganzen Lebenshunger und die Freude am Dasein in ihrem Gedicht aus. Dabei schwingt die Ahnung des drohenden gewaltsamen Endes mit: „…Ich möchte leben, ich möchte lachen und Lasten heben und möchte kämpfen und lieben und hassen und möchte den Himmel mit Händen fassen und möchte frei sein und atmen und schrein. Ich will nicht sterben. Nein!…“ Ein ganz anderes, düsteres, bedrohliches Stimmungsbild vermittelt Celan in seinem Gedicht mit den berühmten Schlusszeilen „…der Tod ist ein Meister aus Deutschland dein goldenes Haar Margarete dein aschenes Haar Sulamith“.
Diese Gedichte waren eingebettet in weitere von Bert Brecht, Martin Niemöller, Erich Kästner, dem jüdisch-sozialistischen Aktivisten Jura Soyfer, dem Emigranten David Luschnat, dem im KZ Oranienburg ermordeten Anarchisten und Pazifisten Erich Mühsam, Kurt Tucholsky, der 1935 in den Freitod ging, und dem Lied „Mein Vater wird gesucht“ von Hans Drach, geschrieben unter dem Eindruck der Verfolgung der Arbeiter durch die Nazis.
Peter Rauscher und Jochen Findeisen umrahmten diese berührende Lyrik mit einer Fülle von hochinteressanten, informativen Texten und lokalen Zeitbezügen. Theodor W. Adornos „Forderung, daß Auschwitz nicht noch einmal sei…“ wurde ebenso zitiert, wie Auszüge der bekannten Rede Richard von Weizäckers aus dem deutschen Bundestag 1985, in der er den Opfern des Nationalsozialismus gedachte und den 8. Mai erstmals den „Tag der Befreiung“ nannte. Sehr erhellend waren auch die Tagebuchauszüge von Eugen Maier aus Nürtingen, Künstler, Stadtrat, Kzler und schließlich Überläufer aus einem Bewährungsbataillon heraus zu den und Partisanen in Griechenland: „Wir werden Überläufer genannt und nennen uns selbst so…Dieser Wort jedoch ist für uns nicht ganz das richtige…Wir gehörten schon immer auf die Gegenseite der deutschen Faschisten und kämpfen nicht gegen Deutsche sondern gegen sinnloses und verbrecherisches Tun der gegenwärtigen deutschen Regierung“.
„Opfer der Gewaltherrschaft gab es nicht nur in Deutschland und in der weiten Welt, sondern immer auch in unserer nahen Umgebung..“ so Jochen Findeisen. Er und Peter Rauscher berichteten über die bekannten Nürtinger Euthanasieopfer, die hiesigen ermordeten Juden und Sinti, über Zwangssterilisierte und über andere Menschen, die ermordet wurden, wegen ihrer religiösen oder sexuellen Orientierung, ihres Umgangs mit Zwangsarbeitern, oder aufgrund der Ächtung als Asoziale. Sie berichteten von den vielen Zwangsarbeiterlagern hier und von verbrieften, schrecklichen Vorgängen darin, zählten politisch Verfolgte auf und erzählten exemplarisch die Geschichten von zwei der politisch Verfolgten aus unserer Gegend: den Pfarrern Julius von Jan aus Oberlenningen und Otto Mörike mit seiner Frau aus Kirchheim.
Besonders die lokalen Bezüge führten zu einem lebhaften Gespräch mit den Nürtinger Zuhörern. Verwundert wurde festgestellt, wie viel von dem schrecklichen Geschehen sich direkt vor Ort abgespielt hatte, aber auch, welch hoher Prozentsatz der Nürtinger Bevölkerung betroffen oder zumindest von Repressalien bedroht war und wie viel Widerstand es hier in der Gegend gab.
Eine Zuhörerin wies auf die Webseite der Nürtinger Gedenkinitiative hin, auf der seit drei Jahren die Ergebnisse der Recherchen und Forschungen zu den Nürtinger Opfern der NS Zeit dargestellt werden, zu finden unter „Nürtinger NS-Opfer“.

 


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