Linke Herbstakademie: Mehr davon!

15. November 2016  Aktionen, Presse

Linke Herbstakademie: Mehr davon!

Müde, aber zufrieden verließen die Teilnehmer_innen der linken Herbstakademie ihren historisch und kulturell eindrücklichen Studienort, die ehemalige Synagoge und heutige pädagogisch-kulturelle Centrum (PKC) in Freudental. Hinter ihnen lagen dreieinhalb dicht gepackte, arbeitsreiche Studientage.

Carsten Krinn, einer der Initiatoren, Moderator und Organisator, kurz, der Mann für Alles, stellte jeden Morgen ein Zitat aus B. Brechts „Me-ti. Buch der Wendungen“ voran um in den Tag einzustimmen. Gemeinsame Arbeitsphasen mit Textstudien und Auseinandersetzung, wechselten sich die Tage über mit Inputs der AG-Leiter und Gastvorträgen ab.

 

Das gemeinsame Lernen begann mit einem Auszug aus dem Grundsatzprogramm der Partei um zum Auftakt noch einmal zu vergegenwärtigen, was DIE LINKE ausmacht. Gleich am ersten Tag wertete der Landesgeschäftsführer Bernhard Strasdeit mit uns die vergangene Landtagswahl aus. Deutlich wurde die notwendige künftige regionale Verankerung auf breiter Basis, ohne die wir keinen Stich machen können. Mit den kommenden Wahlen und den damit verbundenen Aufgaben beschäftigten sich auch unser Parteivorsitzender aus Stuttgart, Bernd Riexinger und Heidi Scharf aus Schwäbisch Hall. In ihren Vorträgen und den folgenden Diskussionen ging es um Inhalte und der Ausrichtung des kommenden Wahlkampfes zur Bundestagswahl im kommenden Jahr.

Zwei Hauptstränge zogen sich durch alle dreieinhalb Tage in zwei AG‘s hindurch. Einmal das Thema: Armut, Hartz IV und Flüchtlingskrise geleitet von der Reutlinger Stadträtin Jessica Tatti. Und zweitens das Thema: Ökologie, Klimawandel und sozial ökologischen Wende durch daß uns der Stuttgarter Stadtrat Christoph Ozasek führte.

Wolfgang Kämmerer, einer der drei Sprecher der LAG „Ökologische Plattform“ präsentierte in der AG 1 zum Einstieg den „Plan B, die Energiewende mit Links“. Mit Christoph zusammen wurden dann die erstaunlich jungen historischen Grundlagen zur ökologischen Frage – die nach der entscheidenden UN-Konferenz von Rio 1992 als Existenzfrage der Menschheit diskutiert wird – und die wichtigsten Begriffe (Grenzen des Wachstums, Earth-Overshoot-Day, ökologischer Fußabdruck etc.) in Kleingruppen erarbeitet. Durchdacht und diskutiert wurden Wachstumsmodelle, wie die Postwachstumsökonomie oder ökologische Produktionskreisläufe nach dem Konzept ‚Cradle-to-Cradle‘. Spannende Einblicke lieferten uns Untersuchungen, die aufzeigten, welche Relevanz, das Thema Ökologie für potentielle – insbesondere jüngere – Wählergruppen hat: Dabei steht Ökologie nicht mehr im Zentrum der Wahlentscheidung, wird aber bei allen anderen wahlentscheidenden Themen – insbesondere der sozialen Gerechtigkeit – als zentrales Querschnittsthema aktiv mitgedacht und durchdringt so alle Politikfelder. Viele junge Wähler_innen wünschen sich daher eine tiefgreifende Transformation ihrer Lebensweise und fordern von der Politik Lösungen für die globalen Umwelt- und Gerechtigkeitsfragen.

Wir konnten zahlreiche Schnittmengen zu linken Kernthemen herausarbeitet. Neben ÖNPV und Ressourcengerechtigkeit kam dabei der oben erwähnte „Plan B“ der Partei DIE LINKE ins Spiel, der den wenigsten bekannt war. Christoph zeigte sehr praxisnah einige seiner Anträge als Stadtrat in Stuttgart und Mitglied der Regionalversammlung. An ihnen war abzulesen, wie scheinbar abstrakte Umwelt- und Klimaschutzziele auf die kommunalen Praxis erfolgreich herunter gebrochen werden können. Am Beispiel der Debatte um Wohnraumnot und -versorgung wurden abschließend die vielfältigen Herausforderungen zum Ausgleich der sozialen und ökologischen Frage zusammen getragen, um politische Zielkonflikte zu vermeiden.

Jessica Tatti leitete die zweite Arbeitsgruppe, mit ihr vertrauteren Themen wie: prekäre Beschäftigung und Armut, in Verbindung mit der Flüchtlingsfrage. Ihre AG beschäftigte sich u.a. mit verschiedenen Modellen des Bedingungslosen-Grundeinkommen. Dabei wurde die Problematik einiger Modelle deutlich, die tendenziell weder emanzipatorisch noch gerecht sind, sondern neue Abhängigkeiten entstehen lassen. So das mehrheitliche Fazit der Gruppe: Noch scheint es zu früh für ein bedingungsloses Grundeinkommen. Die Idee ist noch nicht genug entwickelt.

Die letzte Arbeitsphase eines Tages begann jeweils um 20 Uhr, nach dem hervorragenden Abendessen. Am ersten Abend analysierte Christoph zahlengesättigt das Wählerverhalten und die wahlentscheidenden Themen bei der zurückliegenden Landtagswahl. Carsten führte am Abend darauf aus materialistischer Sicht in die Grundzüge des Islam ein.

Am Sonntagmorgen berichtete Rudolf Bürgel aus Karlsruhe, ergänzt von Gökay Akbulut, über die aktuelle Situation in Kurdistan und der Türkei. Er zeigte beklemmende Bilder von dem Ausmaß der Zerstörung in den kurdischen Gebieten. Dieser aktuelle Block war wegen der schwierigen Lage in Kurdistan relativ kurzfristig flexibel eingeschoben worden.

Nicht unerwähnt bleiben soll eine Einführung in die Projektarbeit für alle, mit anschließenden Beispielen, erarbeitet von den Teilnehmern. Die beiden Hauptreferenten Jessica und Christoph stellten anschließend Praxisbeispiele ihrer Arbeit vor. Jessica wählte die Reutlinger „Arbeiterbildung“, eine kostenlose und ehrenamtliche Beratungsinitiative, in der sie aktiv ist. Hier werden hauptsächlich Hartz 4- Betroffene beraten und unterstützt (Anträge ausfüllen etc.). Der Verein hat zum Ziel, die Isolation aufzuheben, mit gemeinsamem Kochen oder Frühstücken, Vorträgen, etc. Diese parteiunabhängige Initiative bietet u.a. Schulungen für die Beratung bei Hartz IV.
Christoph stellte seinen Antrag „Divest Now!“ vor, der zum Ziel hatte, die 600 Millionen Euro schweren Spezialfonds der Stadt Stuttgart aus Beteiligungen an Unternehmen, die in fossile Energieträger, Waffengeschäfte, Kinderarbeit etc. verwickelt sind, umzuschichten und in ökologisch und sozial vertretbare Geschäftsfelder zu investieren. An diesem Beispiel wurde deutlich, wie das für viele abstrakte Ziel des Klimaschutzes kommunalpolitisch ganz praktisch angepackt werden kann. Die Stadt Stuttgart schichtete ihre Finanzen tatsächlich um, und setzt nun soziale und ökologische Leitplanken in ihren Anlagerichtlinien. Voraus gegangen waren zahlreiche Aktionen zu dem Thema. Dadurch gelang es, Presseöffentlichkeit herzustellen. Aus einer städtischen Diskussion wurde bald eine landesweite, und das nächste Ziel, die LBBW zum
„Divestment“ zu bewegen, wird bereits ins Auge gefasst.

Trotz massivem Einsatz von Inhalten und Papier blieb dennoch Zeit für Kultur und Austausch, zum Beispiel bei einem Spaziergang zum jüdischen Friedhof von Freudental. Die Leitung des Hauses lud uns am Sonntagabend zu einem grandiosen Kletzmerkonzert mit der polnischen Gruppe KROKE ein. Im Vorfeld wurde ein Bildvortrag gezeigt, über den Lebensalltag der Bewohner des Ortes Auschwitz heute, wie die Menschen mit der Nähe des Lagers umgehen.

Bei der Nachbesprechung zu dieser landesweit ersten linken Akademie wurde deutlich: alle Teilnehmer nahmen sehr, sehr viele Informationen, neue Impulse und Inspirationen für die Arbeit in ihren KV´s und OV´s mit. Mit dieser Mischung von Arbeit, Kultur und Zeit für Austausch fühlten sich alle wohl und es war sowohl für Neulinge als auch für alte Hasen bereichernd. Wünschenswert wäre noch mehr Zeit für die Verarbeitung dieser Inhaltsfülle gewesen. Ausnahmslos Alle wünschten sich die Fortsetzung der Akademie im kommenden Jahr!

Ute Dahner

 

 

 


Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*